10 Fragen an Agnes Palmisano

 

 

Quelle: Vienna, Inlt. 2022

Der Standard: Agnes Palmisano riskiert ein Tänzchen mit Dowlands Schwermut

Agnes Palmisano riskiert ein Tänzchen mit Dowlands Schwermut
Experiment tatsächlich gelungen: Die Sängerin präsentiert auf „In Finstan“ Lieder des genialen britischen Lautenmelancholikers John Dowland auf Wienerisch

Ljubiša Tošić
23. Dezember 2021, 11:22

Agnes Palmisano trifft den Lautenisten John Dowland. Die Melodik des 16. Jahrhunderts findet sich ins Wienerische übersetzt.

Wien – Wer tiefe Freundschaft mit der Gefühlsmusik des Komponisten John Dowland (1563–1626) geschlossen hat, wird bezüglich der Interpretation seiner porzellanfragilen Kunst schnell anspruchsvoll. Eine markante Begegnung kann in Form der Versionen von Alfred Deller stattgefunden haben. Der britische Countertenor (1912–1979) verlieh den melancholischen Linien eines Jahrtausendsongs wie Flow My Tears eine poetische Schwerelosigkeit, an die wohl keiner heranreicht, wenn es um diese schwermütig-subjektive Hofmusik des 16. Jahrhunderts geht.

Der durchaus zu respektierende Popbarde Sting ist so ein scheiternder Fall. Seine etwas atemlosen Versionen nähern sich dem Repertoire des Lautenisten Dowland eher buchstabierend an und bleiben ihnen – gerade dadurch – fremd. Auch Agnes Palmisano findet den von ihr verehrten Sting etwas „bemüht“. Er versuche, „es richtig zu machen“, will einer Sache „gerecht werden, welcher er selbst jedoch nicht wirklich entspricht …“

Zuerst Skepsis
Wer bezüglich Dowland, des ruhelosen Wandermusikers, von Alfred Deller sozialisiert wurde, nähert sich allerdings zuerst auch Palmisanos Versionen mit Skepsis. Dowlands Klang gewordene verinnerlichte Weltflucht mit ihren sublimen kleinen Regungen übersetzt ins mitunter herbe wienerische Idiom? Ja, das geht. Palmisano klingt nicht bemüht, da sind auch keine Halbheiten oder zaghaften vokalen Gesten.

Es gelang ihr etwas ganz Eigenes. Begleitet von Kontragitarrist Daniel Fuchsberger, Andreas Teufel an der Schrammelharmonika und Geiger Aliosha Biz wird kompromisslos subjektiv agiert. Auf Basis von Texten, welche die Sängerin Dowland nachgedichtet hat, zelebriert Palmisano eine mitunter morbide Poesie mit womöglich seelenreinigender Inbrunst.

Hier wird denn auch nichts buchstabiert, nehmen wir als Beweis den Klassiker In Darkness Let Me Dwell, der zu In Finstan wurde: Aus düsterer Geräuschatmosphäre erhebt sich zeitlupenhaft Verzweiflung, die sich zur Begräbnisidylle steigert, um in tanzfreudige Lebensbeschimpfung zu münden. Es klingt wie die Fahrt durch eine Grottenbahn heftiger Gefühle, deren Sprachrohr ein gerne ins Ungeschminkt-Rohe kippender Gesang ist, dem allerdings, wenn es geboten scheint, auch Zartheit gegeben ist.

Es fließen lassen
Das Projekt entstand aus „meiner eigenen Stimmung, auch aus meiner Verstimmung heraus – es war eine emotional schwierige Zeit“, erzählt Palmisano. Die Lieder, die sie seit der Kindheit kannte, tauchten in ihr auf, „sangen in mir, als Spiegel meines emotionalen Ausdrucks. Ich besorgte mir dann die Noten …“ Beim Singen ging es dann allerdings – wie immer bei ihr – darum, „die Musik frei fließen zu lassen“.

Sie spüre, höre nämlich sofort „jede Extraanstrengung und Verspannung, die ein Sänger produziert. Ich habe lange darum gerungen, den Emotionen beim Singen freien Lauf zu lassen, mich nicht ablenken zu lassen von Gedanken wie: Ist es gut genug? Bin ich laut genug? Stimmt die Stilistik? Jetzt kommt die schwierige Koloratur! Ah, das war jetzt ein gelungenes Vibrato …“

Der Wiener Dudler
Dass diese vokale Befreiung gelungen ist, weiß man bei ihr schon seit geraumer Zeit. Palmisano steht seit Jahren auch für die Form der Wiener „Dudlerei“, einer speziellen Kunst des Jodelns: „Ich bin über die letzten 20 Jahre Spezialistin für Wiener Musik geworden, weil ich das von den Allerbesten gehört habe und mit ihnen singen durfte“, erzählt sie und nennt Gerhard Bronner, Trude Mally, Kurt Girk und Karl Hodina.

Das Wienerische habe eine eigene Poesie, die mit „Deutsch“ nichts zu tun hat: „Das Wienerische liebt das Doppelbödige, und darin liegen viele emotionale Abstufungen und Zwischentöne verborgen. Diese Musik ist ja auch reich an Chromatik, nicht zufällig ist da auch eine besondere Art der Selbstreflexion zugegen.“ Allerdings gehe es auch darum, „sich in der tiefsten Verstimmung nicht ganz ernst zu nehmen“, findet Palmisano.

Schwere Nummer
Am krassesten spüre sie es beim erwähnten In Finstan: „Im englischen Original heißt es ‚in darkness let me dwell‘, das ist schon bei Dowland eine wirklich schwere, dissonante Nummer. Er spricht von ,hellish jarring sounds‘, höllisch kratzigen, kreischenden, schrillen Tönen, die er produziert. Er singt eben ‚so schiach, dass d’ Teifeln narrisch werd’n‘ – nicht auszuhalten!“ Man kommt da aber wieder raus. Sich so zu suhlen, „im Schmerz, im Grab, im Leid, das ist der Punkt, von dem aus es nicht mehr tiefer geht. Das finde ich schon wieder so absurd, dass ich fast drüber lachen muss. Ab da geht es dann bergauf.“

Dass ihre Übertragung ins Wienerische Dowland Unrecht tut und in ein Eck stellt, dagegen wehrt sich die 1974 in Wien Geborene. Dowland sage ja über sich selbst „semper Dowland semper dolens“, also „immer Dowland immer leidend“. Dass „er damit auf Wienerisch ein Raunzer und Suderer ist“, das habe sie also nicht erfunden, „sondern nur übersetzt“ und auf eine Aufnahme (bei Preiser) gebannt, die stimmig aus der Dunkelheit womöglich ans Licht führt. Das kann besonders in dieser Pandemiewinterzeit nicht schaden. (Ljubiša Tošić, 23.12.2021)

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000132119897/agnes-palmisano-riskiert-ein-taenzchen-mit-dowlands-schwermut

Agnes Palmisano – Meisterin des Dudelns

https://www.wien.info/de/musik-buehne/rock-pop-jazz/world-music/agnes-palmisano-meisterin-des-dudelns-408104

Wie das Leben so spielt #8 mit Agnes Palmisano

Wie das Leben so spielt #8 mit Agnes Palmisano
APRIL 13, 2020 SEASON 1 EPISODE 8
Wie das Leben so spielt…..wir Musiker

Die Sängerin Agnes Palmisano ist vor allem im Wienerlied beheimatet.
Sie erzählt vom jetzigen Heimunterricht mit ihren Kinder (aber gerade sind noch Osterferien), vom Trampolin im Garten und vom Hochbeet.
Natürlich kann es die Sängerin aber kaum erwarten wieder vor Publikum zu singen, denn die digitale Produktion und Konsumation von Musik ist irgendwie nur eine halbe Sache.
Die einzige Vorteil ist aber gerade die Entschleunigung und wenn man nicht mehr jeden Termin wahrnehmen muss.

Quelle: https://www.buzzsprout.com/957685/3346480-wie-das-leben-so-spielt-8-mit-agnes-palmisano

Sendungsgestaltung und Moderation : Isabella Krapf
Unterstützung für unsere Radiosendung und die Gipsy Swing Company :

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Falter-Umfrage: Wie geht es Ihnen?

Falter-Umfrage: Wie geht es Ihnen? (PDF Download)

Kurier: Wenn Wiener jodeln: Das „Hu-jolo-huu“ in der Stadt

Wenn Wiener jodeln: Das „Hu-jolo-huu“ in der Stadt
Wie Wiener Sängerinnen eine fast ausgestorbene Musiktradition am Leben halten.

von Anna-Maria Bauer

Bei gejauchztem „Juhuhu-hui!“ oder „Hu-jolo-huu!“ denkt man oft an Menschen in Tracht und schneebedeckte Alpen, vielleicht an die Trapp-Familie, jedenfalls ans Land. Dabei hat das Jodeln auch eine städtische Tradition.

2010 wurde der Dudler, so nennt sich die Wiener Form des Jodelns, sogar in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbe Österreichs aufgenommen. Er gilt als kunstvoller, verzierter und komplexer als die alpenländische Variante und hat sich vor allem in den Heurigebezirken Ottakring und Hernals als fester Bestandteil der Gesangskultur entwickelt. Beim Heurigen ist er heute nur selten zu hören, dafür auf Konzertbühnen.

DUDELN ERLEBEN

Eine, die als führende Interpretin dieser Musikgattung gilt, ist Agnes Palmisano (45). Das Dudeln bzw. auch das Jodeln setzt für Palmisano dort an, wo Worte nicht mehr ausreichen: Zum einen wenn man seine Gefühle nicht anders zum Ausdruck bringen kann. Zum anderen wenn es zu unanständig wird: „Schon in der Renaissance hat man dann ,Fallala’ gesungen, also an sich sinnlose Silben, die die Fantasie belebt haben.“

Ganz hoch und ganz tief
Jodeln hat sie schon als Kind fasziniert, diese Bandbreite vom ganz Hohen bis zum richtig Tiefen – auch wenn ihr das als Kind noch nicht bewusst war; da klang es einfach nur zauberhaft. „Ich wollte schon bei Heidi immer mitjodeln“, sagt sie und muss bei der Erinnerung lächeln.

Dabei ist die Tochter einer Pinzgauerin und eines Kärntner Slowenen in Wöllersdorf (Niederösterreich) und in Moskau komplett dialektfrei aufgewachsen. Auch ihre ersten Lieder hatte sie noch auf Hochdeutsch geschrieben.

Aber je mehr sie sich während ihres Gesangsstudiums in Wien mit dem Texten von Liedern auseinandersetzte, desto klarer wurde ihr, dass sich Gefühle im Dialekt besser ausdrücken lassen. Und als sie zufällig das Wahlfach „Wienerlied“ bei Roland Neuwirth belegte, war ihr schnell klar, dass sie etwas gefunden hatte, dem sie sich widmen wollte. „Frei nach Wittgenstein: Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man dudeln.“

Hochschaubahnfahrt
Ähnlich erging es der Sängerin Tini Kainrath (51), die vor 20 Jahren durch Wienerlied-Sänger Helmut Emersberger auf das Dudeln angesprochen wurde. „Er hat mir eine, damals schon höchst altmodische, Musikkassette aufgenommen mit Dudlern von Trude Mally, Louise Wagner und Maly Nagl. Ich war so begeistert, dass ich sofort angefangen habe zu üben.“

Tini Kainrath ist seit 20 Jahren vom Dudeln begeistert. © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH
Dudeln sei ja eine Kunstform des Singens, habe aber auch diese Wildheit einer Hochschaubahnfahrt in sich, das habe Tini Kainrath fasziniert.

Vom alpenländischen Jodler unterscheidet sich der Dudler zum einen dadurch, dass er meist von Instrumenten wie Klarinette oder Harmonika begleitet wird. Zum anderen gebe es stilistische Unterschiede: „Die Wiener Musik hat nicht ein durchgehendes Tempo“, sagt Palmisano. „Weil wie Wiener wissen, dass Zeit manchmal stehen zu bleiben scheint, um dann wieder zu verfliegen.“

Ein bisschen hatte Agnes Palmisano noch an der Seite von einer der wichtigsten Wienerlied-Vertreterin dudeln dürfen: Trudy Mally.

Konkrete Tipps habe sie von Mally dabei gar nicht so bekommen. „Sie hat gesagt: ,Du musst üben, sonst wird das nichts.‘“ Palmisano war es vor allem eine Ehre mit ihr singen zu dürfen. „Ihre Stimme habe ich immer noch im Ohr.“

Quelle:

https://kurier.at/chronik/oesterreich/wenn-wiener-jodeln-das-hu-jolo-huu-in-der-stadt/400763490

 

Spezialistin für Vielseitigkeit

Agnes Palmisano ist die Star-Interpretin des Wiener Dudlers und setzt starke eigene Akzente beim Wienerlied. An der Seite von Michael Köhlmeier kommt sie für ein sehr wienerisches Programm in den Musikverein.

Auf Ihrer CD „In mein Heazz“ präsentieren Sie das Genre Wienerlied in seiner ganzen unglaublichen Vielfalt. Wie ist das heute mit CDs? Junge Menschen haben zum Teil gar keine CD-Player mehr und moderne Autos oder Computer oft keine Abspielmöglicheiten. Ich bin da ein wenig altmodisch. Das Publikum in klassischen Konzerten – und dazu zählt auch meines – möchte nach wie vor CDs. Man kann sie signieren lassen oder jemandem zum Geburtstag schenken – das Physische ist schon von Bedeutung. Ich persönlich finde es schön, jemandem etwas in die Hand drücken zu können und zu sagen: Das ist von mir. Das bin ich.

Der Trend geht wohl dahin, dass alle alles mit dem Handy aufnehmen.  
Genau, wenn ich zum Beispiel einen Dudel-Jodel-Workshop mache. Ist auch verständlich, man will das Gelernte ja zu Hause üben. Doch da gab’s einen solchen Wildwuchs an Aufnahmen, dass ich mich entschlossen habe, einen Grundkurs in der Kunst des Wiener Dudelns auf CD zu produzieren, mit Begleitheft und Noten – „Nur fest Dudeln!“

Stört es Sie, wenn jemand im Publikum Sie filmt? 
Das hab ich mir noch nie so überlegt. Einer meiner Musiker ist da sehr empfindlich und verbietet es ausdrücklich – und eigentlich hat er recht.

Ist es nicht auch eine Möglichkeit, die eigene Kunst zu verbreiten?
Die Frage ist, will man das selbst steuern können, oder passiert es einfach. Obwohl – ich glaube nicht, dass von mir etwas total Desastreuses existiert, dazu bin ich viel zu kontrolliert. Andererseits – was kann man schon planen!

Ihre Karriere in der Wiener Volksmusik war ja so auch nicht geplant.
Nein, überhaupt nicht. Niemals hätte ich mein Leben so konzipiert, wenn ich’s mir wirklich ausgesucht hätte.

Wie hätte Ihr Leben dann ausgesehen?
Tja – ich hätte eine steile Opernkarriere hingelegt!

Welches Fach? Und welche Stimmlage?
Das war genau das Thema in meinem Gesangsstudium – ich war nicht so klar einordenbar. Mehr in Richtung Sopran auf jeden Fall, ein Hosenrollensopran. Im klassischen Betrieb herrscht ja dieses strikte Fach-Denken, und es gibt mehr als genug Sängerinnen und Sänger, die diesen Kategorien tadellos entsprechen. Aber ich – ich hab da nicht hineingepasst. Und ich habe mich auch in keiner dieser Kategorien ganz wohlgefühlt, bei keiner Rolle habe ich gedacht: Das sitzt wie angegossen! Von außen betrachtet war es vermutlich sehr gut, aber in mir drinnen hat sich diese totale Stimmigkeit nicht eingestellt. Was dazukommt, ist, dass ich extrem empfindlich darauf reagiere, bewertet und verglichen zu werden. Wenn ich zum Beispiel im Schwimmbad meine Längen schwimme und jemand ist schneller und zieht an mir vorbei, da kriege ich Stress. Andere Menschen lieben das. Ich nicht. Wenn es beim Vorsingen darum geht, wer lauter oder höher singt – dieses Wettbewerbsding ist einfach nicht meins. Das war mein Problem auf der Musikuniversität. Und dann ist mir zum Glück das mit der Volksmusik einfach so passiert. Ich habe dieses Pflichtseminar besucht, Roland Neuwirth hat es geleitet, und am Ende gab es ein Konzert. Keine große Sache, dachte ich. Doch wir sind gleich vom Wiener Volksliedwerk für ein Konzert engagiert worden – und plötzlich hatte ich meinen ersten Zeitungsbericht im „Standard“! Bis dahin gab’s beim Dudeln nur die Trude Mally, mehr oder weniger, und die war schon weit über siebzig. Und dann kommt da eine Gesangstudentin mit jugendlich naiver Frische und macht es einfach. Eines Tages ruft mich der Gerhard Bronner an und will sich mit mir treffen, weil ihm das gefällt, was ich mache. Und so habe ich ein paar Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Auch mit Karl Hodina und Trude Mally. Auf diese Weise habe ich Dinge gelernt, die ich aus keinem Buch hätte lernen können.

Was fasziniert Sie so am Dudeln oder am Wienerlied überhaupt?
Dass das Individuelle erlaubt ist. Man hört einen einzigen Ton von einer Sängerin oder einem Sänger und weiß sofort, wer es ist. Das ist mir sehr entgegengekommen. Herauszufinden, was ich bin und wie meine Stimme klingt. Sein zu dürfen, wie ich bin. Im Gegensatz zum Gesangsunterricht auf der Uni, der mir vermittelt hat: So nicht! Und so auch nicht! Immer war ich mit dem konfrontiert, was nicht in Ordnung war. Die vielen Dinge, die an meiner Stimme zweifellos immer schon gut waren, die waren offenbar selbstverständlich und wurden gar nicht erwähnt. Es war eine sehr belastende Zeit für mich.

Gibt es auch eine Kehrseite Ihres Erfolgs?
Na ja – dass ich nicht jeden Tag drei Stunden Mozart gesungen habe. Mozart fasziniert mich nach wie vor unendlich.

Nicht nur Mozart, vermutlich.
Natürlich nicht, aber Mozart ganz besonders, weil er für Stimmen perfekt komponiert hat. Meine Eltern haben sich in Saalfelden in einem Chor kennengelernt, den gibt’s immer noch, und wenn die zu Weihnachten und zu Ostern eine Messe aufführen, dann rührt mich das so, dass ich sofort weinen muss. Es gibt so viel schöne Musik, man kann nicht alles machen. Wir leben in einem Zeitalter des extremen Spezialistentums, leider.

Jeder muss eine Marke sein.
Genau. Ich bin eben die Marke „Wiener Dudler und Wienerlied“. Das ist super! Schade ist nur, dass es schwer ist, außerhalb dieser Marke etwas zu machen. Diesen Sommer habe ich wieder einmal Operette gespielt – ich liebe es! Schauspiel, Oper, Operette, Musiktheater, das ist so eine andere Welt. Ich hoffe, dass sich in dieser Richtung etwas entwickelt. Ich habe in der Wiener Musik eine Heimat gefunden. Aber man kann ja unterschiedliche Dinge gern machen und gut können. Michael Köhlmeier hat mich zum ersten Mal gehört, als ich die Sterbearie der Dido aus Purcells „Dido and Aeneas“ gesungen habe, und nicht einen Wiener Dudler.

Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Michael Köhlmeier?
Ich kenne ihn schon seit Ewigkeiten, denn wer kennt ihn nicht! Er arbeitet viel mit Paul Gulda zusammen und ich auch. So ergab es sich, dass ich 2016 bei der „Aeneis“ mit Köhlmeier und Gulda im Musikverein die Arie aus Purcells „Dido“ gesungen habe – als Überraschung. Seither wollte er etwas mit mir machen. Michael Köhlmeier ist ja auch so ein Vieles-Könner. In Vorarlberg kennt jeder die Lieder, die er in seiner Jugendzeit mit dem Bilgeri zusammen geschrieben hat, und es ist derselbe Michael Köhlmeier, der Bücher schreibt und Geschichten erzählt. Ich freu mich jedenfalls sehr auf das Projekt mit den Wiener Sagen. Es wird ein rein wienerisches Programm, also sind keine Ausflüge in die Oper vorgesehen oder neu geschriebene Lieder.

Was ist älter, das Wienerlied oder die Wiener Sage?
Das lässt sich kaum feststellen. Manche Dudler sind irgendwann aus dem alpenländischen Raum nach Wien gekommen. Es gibt da wie bei den echten Wienern einen Migrationshintergrund. Andere Wienerlieder sind komponiert. Also es gibt da alles, von sehr alten Dudlern, die eigentlich gesungene Instrumentalweisen mit großem Tonumfang sind, über volkstümliche Lieder, wo es mehr um die Geschichte geht, bis zu Liedern, die von Theaterkomponisten geschrieben wurden, zum Teil fast arienhaft, oder aber Couplets und Kabarettlieder. Diese Vielfalt hat mich in diesem Genre gehalten. Was weltweit als typisches Wienerlied gilt, also „Wien, Wien nur du allein“ – darum mache ich einen Bogen, das ist in der Wienerlied-Szene derzeit total verpönt. Es ist erstaunlich. Die Nische ist so klein, und trotzdem gibt es echte Glaubenskriege. Einerseits ist da der volkstümliche Schlager mit seiner Community, und auf der anderen Seite das alte Liedgut, das bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. Da tendiere ich hin.

Was ist für Sie wichtiger: eine Geschichte zu erzählen, die berührt, oder so zu singen, dass alle sagen: Wow, singt die gut!
Natürlich möchte ich, dass die Leute sagen: Wow, singt die gut! Aber es darf nie Selbstzweck sein. Man darf eine große Stimme nicht so vor sich hertragen, man muss die Intimität des Genres würdigen. Sobald sich so etwas wie Technik dazwischenschiebt, ist das Wienerlied tot. Sänger sollten ihr Instrument so beherrschen dürfen, dass sie die Art ihres Vibratos und die Art der Tongebung in verschiedenen Stilen steuern können. Aber sehr oft werden Sänger nur für eine Art ausgebildet und alles andere wird abtrainiert. Das ist schade.

Welche Pläne haben Sie in der näheren Zukunft?
Ich habe Lieder von John Dowland ins Wienerische übersetzt, das wird mein neues Programm. Dowland und Wien – das funktioniert wunderbar. Das Wienerische spricht und singt sich ja viel poetischer als Hochdeutsch, vor allem, weil die Vokale so anders gefärbt sind.

Schön, dass es in Wien so viel Platz für so viel verschiedene Musik gibt! 
Ja, und es fasziniert mich, dass ich hier, wo doch so wahnsinnig viel stattfindet, auf dem Spielplan stehe, und dass Leute zu meinen Konzerten kommen. Natürlich würde ich gern mehr Oper oder Operette singen, aber soll ich in Melancholie verfallen, weil ich im Gläsernen Saal so etwas Wunderbares wie „Wiener Sagen“ mit Michael Köhlmeier machen darf?

Agnes Palmisano wurde in Wien geboren und absolvierte nach der Matura vorerst die Ausbildung zur Sonderschullehrerin. 1997 bis 2005 studierte sie Gesang an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. 2002 kam es zu ihrer ersten Begegnung mit dem „Wiener Dudler”, einer im 19. Jahrhundert entstandenen Mischform von Jodler und Koloraturgesang, als dessen führende Interpretin und Expertin sie heute gilt. Ihre intensive künstlerische Auseinandersetzung mit „Wiener Musik” im Grenzbereich zwischen „Kunst” und „Unterhaltung” führte zu zahlreichen – auch international höchst erfolgreichen – Konzert- und Schallplattenprojekten. Bis 2011 leitete Agnes Palmisano den Musikschwerpunkt einer Schule für geistig schwerstbehinderte Kinder in Wien und war Lehrbeauftragte der Musikuniversität Wien für integrative Musikschularbeit. Seit 2018 unterrichtet sie an der Pädagogischen Hochschule Baden.   

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber. 
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte neben Romanen und Erzählungen auch das Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und zuletzt „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.   

 

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EIN WIENER DUDLER IN DER OPERETTE IN FRANKEN

Während einer Pressekonferenz in Bad Rodach für die „Sommeroperette Heldritt“, bei der „Die Landstreicher“ von Carl Michael Ziehrer“ aufgeführt werden, geben die beiden österreichischen Künstler eine Kostprobe.  Agnes Palmisano ist Operettensängerin im Genre des „Wiener Dudler“. Dabei handelt es sich um eine Wiener Form des Jodelns, die auch Koloraturjodeln genannt wird. Gemeinsam mit Harald Wurmsdobler (Intendant) stimmt sie die Arie „Sei gepriesen, Du lauschige Nacht“ an.

Quelle:

https://www.30-jahre-gruenes-band.de/2019/07/02/ein-wiener-dudler-in-der-operette-in-franken/

„Lauschige Nacht“ für alle: Ziehrers „Die Landstreicher“ im Schloss Zell

„Lauschige Nacht“ für alle: Ziehrers „Die Landstreicher“ im Schloss Zell

Pramtaler Sommeroperette überzeugt heuer mit Ensemble und Orchester

18. Juni 2019

 

 

Agnes Palmisano und Harald Wurmsdobler (Intendant) in den Titelrollen der beiden Landstreicher. © Pramtaler Sommeroperette

Von Ingo Rickl

Carl Michael Ziehrer (1843 bis 1922), letzter Hofballmusikdirektor der habsburgischen Monarchie, lebt trotz eines umfangreichen Oeuvres leider nur mit einem Werk weiter: Den „Landstreichern“, die 1899 im Sommertheater „Venedig in Wien“ das Licht der Welt erblickten. Nun, 120 Jahre später, hat Intendant Harald Wurmsdobler die musikalische Komödie als siebente Produktion der Pramtaler Sommeroperette mit Hilfe der in Wien beheimateten Ziehrer-Stiftung ins idyllische Zell an der Pram geholt, wo die Verwechslungsgeschichte mit Hilfe des Bearbeiters Bernhard Maxara nun in Bayern spielt. Die Bearbeitung lässt nicht nur einen erweiterten Melodienreichtum aus der Feder Ziehrers zu, sondern verändert den Szenenablauf mehrmals.

„Lauschige Nacht“-Arie wurde ans Ende verlegt

Die bedeutendste Neuheit ist die Verlegung der schmalzigen Tenor-Arie „Sei gepriesen, du lauschige Nacht“ an das Ende der verwirrend-komischen Handlung. Aus einem manchmal zu Kitsch tendierenden Ziehrer-Schlager wird, sobald das gesamte Ensemble musikalisch in das Tenorlied einsteigt, ein echter „Rausschmeißer“, der noch lange im Ohr bleibt.

Die Geschichte hat auch mit Eröffnungsredner LH a. D. Josef Pühringer zu tun, der den genannten Schlager anfangs in sein Lob des Tages einbaute. Erstmals musste übrigens – wegen einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit von Regengüssen, die dann doch nicht eintraten – eine Premiere in Zell in den Mehrzwecksaal des Schlosses verlegt werden. Auch sonst zeigten sich Ausstatterin Daphne Katzinger und Regisseurin Manuela Kloibmüller der Operette gewachsen, was allerdings mit dieser rundum rollendeckenden Besetzung kein Wunder ist. Die Handlung ist verwirrend genug: Es geht um ein Landstreicher-Ehepaar, um scheinbare Diebstähle, um Liebesabenteuer verschiedener Gesellschaftsschichten sowie um falschen und echten Adel.

Das Orchester sINNfonietta unter Gerald Karl scheint für dieses Werk gegründet worden zu sein. Die Vielseitigkeit der Melodien wird durchgezogen, der Kontakt zu den Sänger-Darstellern könnte im (heißen) „überakustischen“ Saal nicht besser sein.

Landstreicher-Ehepaar komödiantisch verkörpert

Das Landstreicher-Ehepaar Fliederbusch wird vom Intendanten selbst und von der mit vielseitig eingesetztem Koloratursopran bis hin zum legendären „Wiener Dudler“ auftrumpfenden Agnes Palmisano komödiantisch verkörpert. Da muss sich Operetten-Diva Eva-Maria Kumpfmüller als vielbegehrte Mimi mit teils skurriler Mimik und gleichzeitig strahlendem Sopran persönlichkeitsstark wehren. Die Liebhaber an ihrer Seite: Erich J. Langwiesner als zwischendurch zu „Herrn Meier“ mutierender Fürst Adolar, die mit dem Hit „Das ist der Zauber der Montur“ aufwartenden Leutnants Michael Zallinger als Mucki von Muggenheim und Philipp Gaiser als Rudi von Rodenheim sowie der mit weinenden Rufen nach Mimi durch die Gegend ziehende Michael Kaltseis als Verlobter Lajos. Als Wirt Gratwohl ist Karl Glaser ein begnadeter Wienerlied-Sänger, Wirtstochter Anna – verkörpert durch Christine Ornetsmüller – erkämpft sich den Gerichtsassessor Roland, gespielt vom Tenor George Kounoupias. Entgegen dem Libretto von Leopold Krenn und Karl Lindau streut schließlich Gerichtsdiener Kampel alias Martin Dreiling melancholische Psychologie ein, weshalb offensichtlich aus Vorsicht Rupert Ramsauer den Diener des Fürsten mit Rollator absolviert.

Im August spielt man bei der Sommeroperette Heldritt im Coburger Land.

Quelle: https://volksblatt.at/lauschige-nacht-fuer-alle-ziehrers-die-landstreicher-im-schloss-zell/

Lustvolle, spielerische Verwechslungen

Pramtaler Sommeroperette: Premiere von Carl Michael Ziehrers „Die Landstreicher“.

Agnes Palmisano und Intendant Harald Wurmsdobler als „Landstreicher“ Bild: PSO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihre 7. Saison begann die „Pramtaler Sommeroperette“ am Samstag im Schloss Zell an der Pram mit der Premiere von Carl Michael Ziehrers 1899 uraufgeführtem Werk „Die Landstreicher“. Die rasante Verwechslungskomödie kreist um ein aktuelles Thema: Diskriminierung und „Schöner Schein“.

Es wäre freilich kein Lustspiel, wenn es dem vorverurteilten Landstreicherpaar nicht immer wieder gelänge, seinen halbvertrottelten Widersachern mit immer neuen Kostümverwandlungen eins auszuwischen.

In der Inszenierung Manuela Kloibmüllers entwickelt sich das wendungsreiche Spiel zunächst recht kompakt und es amüsiert mit Anspielungen auf das reale Polit-Kabarett. Doch spätestens mit zusätzlichen Elementen des „Zaubers der Montur“ (zwei junge Offiziere, ein weiterer Liebhaber) kippt der Trubel immer wieder ins Klamaukhafte und lässt die zentrale Rolle des Landstreicherpaares und den Handlungsstrang verblassen. Da würden wohl einige Straffungen Abhilfe schaffen. Dagegen sehr erfreulich: die 18 Musizierende umfassende „sINNfonietta“ unter dem kompakten Dirigat von Gerald Karl.

Intendant Harald Wurmsdobler und Agnes Palmisano geben den Landstreichern gekonnt sängerische und komödiantische Konturen; ihnen ebenbürtig sind die köstlichen Auftritte von Ex-Landestheater-Schauspieler Erich J. Langwieser, der den alten Fürsten glänzend karikiert. Martin Dreiling feuert als Gerichtsdiener zielsichere Pointen ab.

Das weitere Ensemble (Eva Kumpfmüller, Christine Ornetsmüller, Karl Glaser, George Kounoupias, Michael Zallinger, Philipp Gaiser und Michael Kaltseis) singt und agiert zwar professionell, aber zum Teil zu wenig textdeutlich. Der Schluss-Hit „Sei gepriesen, du lauschige Nacht“ mündete in lebhaften Premierenjubel.

Fazit: Flott musizierte Operetten-Farce mit einigen Highlights und einem spielfreudigen SängerInnen-Team, das zeitweise hart am Klamauk vorbeischrammt.

Pramtaler Sommeroperette: „Die Landstreicher“ von Carl Michael Ziehrer in Zell an der Pram, Regie: Manuela Kloibmüller, Musikalische Leitung: Gerald Karl, Premiere: 15. 6., Termine: 22., 23., 28., 29., 30. Juni, Info/Karten: 0664/5931807, www.sommeroperette.at

Von Paul Stepanek 17. Juni 2019 00:04 Uhr

Quelle:

https://www.nachrichten.at/kultur/lustvolle-spielerische-verwechslungen;art16,3139153

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